Dass heute an der Stelle, an der Hinterkaifeck einst stand, nur noch ein schlichter Gedenkstein inmitten von Äckern zu finden ist, hat sowohl praktische als auch tiefpsychologische Gründe. Der Hof wurde nicht einfach nur abgerissen – er wurde regelrecht aus der Landschaft getilgt.
Hier ist die Chronologie des Verschwindens:
1. Ein Ort, an dem niemand leben wollte
Nach den Morden im April 1922 stand der Hof leer. Da die gesamte Kernfamilie ausgelöscht worden war, ging das Erbe an weitläufige Verwandte der Grubers und Gabriels über.
- Die Last des Blutes: Es fand sich niemand, der bereit gewesen wäre, in ein Haus einzuziehen, in dem sechs Menschen bestialisch ermordet worden waren und der Täter danach noch tagelang „Hausherr“ gespielt hatte.
- Der „Fluch“: In der damaligen Zeit war der Aberglaube auf dem Land tief verwurzelt. Ein Hof, auf dem „Blutschande“ getrieben wurde und der Schauplatz eines ungeklärten Massenmordes war, galt als verflucht. Er war wirtschaftlich wertlos, da kein Knecht und keine Magd dort jemals wieder Dienst tun wollte.
2. Der Abriss im Jahr 1923
Bereits ein Jahr nach der Tat, im Februar 1923, entschieden sich die Erben, den Hof dem Erdboden gleichzumachen.
- Die Versteigerung: Das Inventar, das Vieh und die landwirtschaftlichen Geräte wurden versteigert.
- Die Tatwaffe taucht auf: Während der Abrissarbeiten machten die Arbeiter eine sensationelle Entdeckung. Versteckt im Fehlboden unter den Dielen des Dachbodens fanden sie die Reuthaue (die Mordwaffe), ein Brotmesser und eine Pistole. Dies bestätigte die Theorie, dass der Täter die Waffe nach der Tat sorgfältig auf dem Hof versteckt hatte.
3. Die Flurbereinigung und das Vergessen
Nachdem die Gebäude abgetragen worden waren, wurden die Steine teilweise für andere Bauvorhaben in der Umgebung verwendet (was wiederum zu neuen Schauergeschichten über „Unglückssteine“ führte).
- Ackerland: Die Fundamente wurden herausgerissen und das Gelände eingeebnet. Die Natur und die Landwirtschaft holten sich das Areal zurück. Heute ist die Stelle, an der das Wohnhaus stand, ein Teil eines weiten Ackers.
- Der Gedenkstein: In den 1950er Jahren wurde in der Nähe des ehemaligen Standorts ein Marterl (ein Gedenkstein) errichtet, um an die Opfer zu erinnern. Er steht jedoch nicht exakt dort, wo die Gebäude waren, sondern am Rand des Weges.
4. Warum er heute „nicht mehr existiert“
Der Grund ist ein doppelter:
- Psychologische Reinigung: Für die Dorfgemeinschaft von Gröbern und Wangen war der Abriss ein Akt der Reinigung. Man wollte das „Mahnmal der Schande“ aus dem Sichtfeld haben, um wieder zur Normalität zurückzukehren.
- Vermeidung von „Katastrophentourismus“: Schon kurz nach der Tat pilgerten Schaulustige zum Hof. Durch den vollständigen Abriss wurde verhindert, dass Hinterkaifeck zu einer dauerhaften Pilgerstätte für Neugierige wurde – auch wenn das Interesse am Fall bis heute, über 100 Jahre später, ungebrochen ist.
Fazit
Hinterkaifeck existiert heute nur noch als „Phantom-Ort“. Wer heute dort steht, sieht nur flaches Land und spürt vielleicht noch die Isolation, die diesen Ort einst umgab. Das Fehlen der Gebäude verstärkt das Mysterium: Wo kein Haus mehr steht, bleiben nur noch die Fragen im Wind hängen.
