Der Tathergang von Hinterkaifeck ist kein klassischer „Einbruch mit Todesfolge“. Es gleicht eher einem Kammerspiel des Grauens, das sich über mehrere Tage hinweg zog. Die Details, die die Ermittler später rekonstruierten, sind an bizarrem Realismus kaum zu überbieten.
Hier sind die verstörendsten Einzelheiten zur Tatnacht und dem Schicksal der Magd:
1. Das Schicksal der Maria Baumgartner
Maria Baumgartner ist die tragischste Figur des Abends. Die 44-Jährige kam am Nachmittag des 31. März 1922 auf den Hof. Sie war die Nachfolgerin einer Magd, die den Hof Monate zuvor fluchtartig verlassen hatte, weil sie dort „Spukgestalten“ vermutete.
- Ankunft und Tod am selben Tag: Maria wurde von ihrer Schwester zum Hof gebracht und verabschiedete sich gegen 17:00 Uhr. Keine sechs Stunden später war sie tot.
- Das unberührte Bett: Ihr Koffer war noch nicht einmal vollständig ausgepackt. Sie wurde in ihrer Kammer direkt neben dem Stall erschlagen – vermutlich, während sie gerade im Begriff war, sich schlafen zu legen. Sie hatte keine Chance, den Hof oder die Familie überhaupt kennenzulernen.
2. Der Tathergang: Eine tödliche Falle
Die Rekonstruktion der Polizei (die damals leider erst vier Tage nach der Tat begann) ergab ein schauriges Muster:
- Das „Locken“ in die Scheune: Der Täter drückte die Opfer nicht im Schlaf im Haus nieder. Er lockte sie nacheinander – wahrscheinlich durch Unruhe im Stall oder Geräusche – in die dunkle Scheune.
- Die Reihenfolge: Zuerst kam wohl die alte Cäzilia Gruber, dann Andreas, dann die Tochter Viktoria und zuletzt die siebenjährige Enkelin Cäzilia.
- Präzision im Dunkeln: Alle vier wurden an derselben Stelle in der Scheune mit einer Reuthaue (einer schweren Feldhacke) erschlagen. Die Leichen wurden danach mit Heu und einer alten Tür abgedeckt.
- Der Mord im Haus: Erst danach betrat der Täter das Wohnhaus, um die schlafende Magd und den zweijährigen Josef in seinem Kinderwagen zu töten.
3. Bizarre Details der Tatnacht und der Tage danach
Was Kriminologen bis heute fassungslos macht, ist das Verhalten des Täters nach den Morden:
- Das „Weiterleben“ auf dem Hof: Der Täter verließ den Tatort nicht sofort. Er blieb mindestens bis zum darauffolgenden Montag (3. April). In dieser Zeit fütterte er das Vieh und molk die Kühe – die Tiere wären sonst vor Hunger und Schmerz (wegen voller Euter) laut geworden und hätten die Nachbarn alarmiert.
- Rauch aus dem Kamin: Nachbarn sahen das ganze Wochenende über Rauch aus dem Schornstein aufsteigen. Der Mörder machte es sich gemütlich, kochte in der Küche der Toten und aß deren Vorräte auf.
- Die schlafende Enkelin: Besonders grausam ist das Detail der siebenjährigen Cäzilia. Die Obduktion ergab, dass sie nach dem Schlag auf den Kopf noch mehrere Stunden lebte. In ihrem Todeskampf hatte sie sich büschelweise die eigenen Haare ausgerissen. Der Täter muss dies bemerkt haben, griff aber nicht ein.
- Der Hund: Der Hofhund der Grubers wurde nicht getötet, sondern vom Täter an der Kette im Hof angebunden. Als die Nachbarn eintrafen, war der Hund heiser vor Bellen, wirkte aber nicht verstört gegenüber Menschen – was wiederum für einen Täter spricht, den der Hund kannte.
4. Die „Vorbereitungen“ des Täters
Es gibt Hinweise darauf, dass der Täter schon Tage vor der Tat im Haus lebte:
- Auf dem Dachboden wurden Heu-Nester gefunden, in denen jemand geschlafen hatte.
- Einige Dachziegel waren verschoben worden, um ein Sichtfeld auf den Waldrand zu haben.
- Andreas Gruber hatte bereits Tage zuvor von einer fremden Zeitung und Fußspuren berichtet, die zum Hof führten, aber nicht weg.
Fazit: Ein Täter mit „Heimrecht“
Die bizarren Details deuten auf jemanden hin, der keine Eile hatte. Er kannte den Rhythmus des Hofes, wusste, wie man mit dem Vieh umgeht, und fühlte sich in der Umgebung der sechs Leichen sicher genug, um dort zu essen und zu schlafen. Dies verstärkt den Verdacht gegen Personen aus dem engsten Umfeld oder jemanden, der den Hof als sein rechtmäßiges Eigentum betrachtete.
