Das Vorgehen der Ermittlungsbehörden im Jahr 1922 ist aus heutiger Sicht ein Paradebeispiel für „Pleiten, Pech und Pannen“. Man muss jedoch fairerweise sagen, dass die Kriminalistik damals noch in den Kinderschuhen steckte – und die Umstände auf der Einöde Hinterkaifeck selbst gestandene Beamte überforderten.
Hier ist die Analyse der fatalen Fehler und das makabre Rätsel um die verschwundenen Köpfe:
1. Ein Tatort wird „zertrampelt“
Bevor die eigentliche Mordkommission aus München (unter der Leitung von Kriminaloberinspektor Georg Reingruber) überhaupt eintraf, war der Tatort bereits unwiederbringlich zerstört.
- Die „Gaffer“ von Gröbern: Nachdem die drei Nachbarn die Leichen gefunden hatten, sprach sich die Nachricht wie ein Lauffeuer herum. Dutzende Dorfbewohner liefen zum Hof. Sie spazierten durch die Scheune, fassten Gegenstände an und kochten sich in der Küche der Toten sogar Kaffee.
- Leichen-Moving: Wie bereits erwähnt, bewegte Lorenz Schlittenbauer die Leichen, um „nachzusehen, ob sie noch leben“. Damit wurden die ursprüngliche Lage der Körper und wichtige Rückschlüsse auf die Schlagrichtung des Täters vernichtet.
- Späte Spurensicherung: Die Münchner Polizei traf erst am 5. April ein – fast fünf Tage nach der Tat. Da war der Hof bereits ein „Bahnhof“ für Neugierige.
2. Die makabre Obduktion auf dem Küchentisch
Da es damals keine Kühltransporte für sechs Leichen gab, entschied der Landgerichtsarzt Dr. Johann Baptist Aumüller, die Obduktion direkt vor Ort durchzuführen.
- Der Tatort als Seziersaal: Die Leichen wurden auf dem Hof (teils auf dem Küchentisch, teils im Freien) obduziert.
- Die Tatwaffe: Aumüller stellte fest, dass die Reuthaue das Tatwerkzeug war. Er bemerkte zudem, dass die kleine Cäzilia noch Stunden nach dem Schlag überlebt haben musste.
- Das Köpfen der Opfer: Um die Schädeltraumata genauer untersuchen zu können und die Schädel eventuell „spiritistischen Medien“ vorzulegen (ja, das war damals eine ernsthafte Ermittlungsmethode!), ließ der Arzt die Köpfe aller sechs Opfer abtrennen.
3. Wo sind die Köpfe der Opfer heute?
Dies ist einer der bizarrsten Aspekte des Falls. Während die kopflosen Körper der Familie Gruber und der Magd auf dem Friedhof von Waidhofen beigesetzt wurden, traten ihre Schädel eine eigene Reise an.
- Versand nach München: Die Köpfe wurden in Kisten verpackt und nach München geschickt. Dort untersuchten sie Gerichtsmediziner und – man glaubt es kaum – Wahrsagerinnen, die versuchten, durch „Berühren“ der Schädel den Mörder zu „sehen“.
- Das Verschwinden: Nach Abschluss der Untersuchungen und im Chaos der folgenden Jahre (Hyperinflation, Aufstieg der Nazis, Zweiter Weltkrieg) gingen die Schädel verloren.
- Die Bombennacht: Es gilt als wahrscheinlich, dass die Schädel in den Asservatenkammern der Münchener Justiz oder Polizei gelagert wurden, die im Zweiten Weltkrieg bei Bombenangriffen zerstört wurden.
- Das leere Grab: Auf dem Friedhof in Waidhofen steht heute ein Gedenkstein. Die sechs Menschen dort liegen jedoch bis heute ohne ihre Köpfe begraben.
4. Weitere kapitale Ermittlungsfehler
- Mangelnde Befragung der Zeugen: Viele Aussagen von Nachbarn wurden erst Jahre später detailliert aufgenommen, als die Erinnerungen bereits verblasst oder durch Dorfklatsch verfälscht waren.
- Fokus auf Raubmord: Die Polizei versteifte sich zu lange auf durchreisende Zigeuner oder Landstreicher, obwohl die Fakten (Täter blieb tagelang vor Ort) massiv gegen diese Theorie sprachen.
- Keine Fingerabdrücke: Die Daktyloskopie (Fingerabdruck-Lehre) war 1922 in Bayern zwar bekannt, wurde aber auf Hinterkaifeck kaum professionell angewandt, da die Oberflächen bereits von Nachbarn kontaminiert waren.
Fazit: Ein Justizversagen mit Folgen
Hätte man den Hof sofort abgeriegelt und die Leichen professionell untersucht, wäre der Mörder vermutlich binnen weniger Wochen gefasst worden. Die Entscheidung, die Köpfe abzutrennen, verwehrte den Opfern zudem ihre letzte Ruhe und bleibt ein dunkler Fleck in der bayerischen Kriminalgeschichte.
