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Hin­ter­kayf­eck: 7. Frü­here Ermitt­lungs­feh­ler

Posted on 2026-03-312026-03-31 by jrs24

Das Vor­ge­hen der Ermitt­lungs­be­hör­den im Jahr 1922 ist aus heu­ti­ger Sicht ein Para­de­bei­spiel für „Plei­ten, Pech und Pan­nen“. Man muss jedoch fai­rer­weise sagen, dass die Kri­mi­na­li­stik damals noch in den Kin­der­schu­hen steckte – und die Umstände auf der Ein­öde Hin­ter­kaif­eck selbst gestan­dene Beamte über­for­der­ten.

Hier ist die Ana­lyse der fata­len Feh­ler und das maka­bre Rät­sel um die ver­schwun­de­nen Köpfe:

1. Ein Tat­ort wird „zer­tram­pelt“

Bevor die eigent­li­che Mord­kom­mis­sion aus Mün­chen (unter der Lei­tung von Kri­mi­nal­ober­inspek­tor Georg Rein­gru­ber) über­haupt ein­traf, war der Tat­ort bereits unwie­der­bring­lich zer­stört.

  • Die „Gaf­fer“ von Grö­bern: Nach­dem die drei Nach­barn die Lei­chen gefun­den hat­ten, sprach sich die Nach­richt wie ein Lauf­feuer herum. Dut­zende Dorf­be­woh­ner lie­fen zum Hof. Sie spa­zier­ten durch die Scheune, fass­ten Gegen­stände an und koch­ten sich in der Küche der Toten sogar Kaf­fee.
  • Lei­chen-Moving: Wie bereits erwähnt, bewegte Lorenz Schlit­ten­bauer die Lei­chen, um „nach­zu­se­hen, ob sie noch leben“. Damit wur­den die ursprüng­li­che Lage der Kör­per und wich­tige Rück­schlüsse auf die Schlag­rich­tung des Täters ver­nich­tet.
  • Späte Spu­ren­si­che­rung: Die Münch­ner Poli­zei traf erst am 5. April ein – fast fünf Tage nach der Tat. Da war der Hof bereits ein „Bahn­hof“ für Neu­gie­rige.

2. Die maka­bre Obduk­tion auf dem Küchen­tisch

Da es damals keine Kühl­trans­porte für sechs Lei­chen gab, ent­schied der Land­ge­richts­arzt Dr. Johann Bap­tist Aumül­ler, die Obduk­tion direkt vor Ort durch­zu­füh­ren.

  • Der Tat­ort als Sezier­saal: Die Lei­chen wur­den auf dem Hof (teils auf dem Küchen­tisch, teils im Freien) obdu­ziert.
  • Die Tat­waffe: Aumül­ler stellte fest, dass die Reut­haue das Tat­werk­zeug war. Er bemerkte zudem, dass die kleine Cäzi­lia noch Stun­den nach dem Schlag über­lebt haben musste.
  • Das Köp­fen der Opfer: Um die Schä­del­trau­mata genauer unter­su­chen zu kön­nen und die Schä­del even­tu­ell „spi­ri­ti­sti­schen Medien“ vor­zu­le­gen (ja, das war damals eine ernst­hafte Ermitt­lungs­me­thode!), ließ der Arzt die Köpfe aller sechs Opfer abtren­nen.

3. Wo sind die Köpfe der Opfer heute?

Dies ist einer der bizarr­sten Aspekte des Falls. Wäh­rend die kopf­lo­sen Kör­per der Fami­lie Gru­ber und der Magd auf dem Fried­hof von Waid­ho­fen bei­gesetzt wur­den, tra­ten ihre Schä­del eine eigene Reise an.

  • Ver­sand nach Mün­chen: Die Köpfe wur­den in Kisten ver­packt und nach Mün­chen geschickt. Dort unter­such­ten sie Gerichts­me­di­zi­ner und – man glaubt es kaum – Wahr­sa­ge­rin­nen, die ver­such­ten, durch „Berüh­ren“ der Schä­del den Mör­der zu „sehen“.
  • Das Ver­schwin­den: Nach Abschluss der Unter­su­chun­gen und im Chaos der fol­gen­den Jahre (Hyper­in­fla­tion, Auf­stieg der Nazis, Zwei­ter Welt­krieg) gin­gen die Schä­del ver­lo­ren.
  • Die Bom­ben­nacht: Es gilt als wahr­schein­lich, dass die Schä­del in den Asser­va­ten­kam­mern der Mün­che­ner Justiz oder Poli­zei gela­gert wur­den, die im Zwei­ten Welt­krieg bei Bom­ben­an­grif­fen zer­stört wur­den.
  • Das leere Grab: Auf dem Fried­hof in Waid­ho­fen steht heute ein Gedenk­stein. Die sechs Men­schen dort lie­gen jedoch bis heute ohne ihre Köpfe begra­ben.

4. Wei­tere kapi­tale Ermitt­lungs­feh­ler

  • Man­gelnde Befra­gung der Zeu­gen: Viele Aus­sa­gen von Nach­barn wur­den erst Jahre spä­ter detail­liert auf­ge­nom­men, als die Erin­ne­run­gen bereits ver­blasst oder durch Dorf­klatsch ver­fälscht waren.
  • Fokus auf Raub­mord: Die Poli­zei ver­steifte sich zu lange auf durch­rei­sende Zigeu­ner oder Land­strei­cher, obwohl die Fak­ten (Täter blieb tage­lang vor Ort) mas­siv gegen diese Theo­rie spra­chen.
  • Keine Fin­ger­ab­drücke: Die Dak­ty­lo­sko­pie (Fin­ger­ab­druck-Lehre) war 1922 in Bay­ern zwar bekannt, wurde aber auf Hin­ter­kaif­eck kaum pro­fes­sio­nell ange­wandt, da die Ober­flä­chen bereits von Nach­barn kon­ta­mi­niert waren.

Fazit: Ein Justiz­ver­sa­gen mit Fol­gen

Hätte man den Hof sofort abge­rie­gelt und die Lei­chen pro­fes­sio­nell unter­sucht, wäre der Mör­der ver­mut­lich bin­nen weni­ger Wochen gefasst wor­den. Die Ent­schei­dung, die Köpfe abzu­tren­nen, ver­wehrte den Opfern zudem ihre letzte Ruhe und bleibt ein dunk­ler Fleck in der baye­ri­schen Kri­mi­nal­ge­schichte.

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